Über Johai

“… jedes meiner Gemälde ist inspiriert von meiner tiefen Liebe für alle Lebewesen, für die Natur und das Leben selbst.
Mein Wunsch ist, diese Liebe und das daraus entstehende Glück, das ich jeden Tag neu empfinde, mit anderen zu teilen.
Bei meiner künstlerischen Tätigkeit lasse ich mich von meinen Emotionen leiten, die sich in Formen und Farben manifestieren und in meinen Gemälden sichtbar werden…”

Johai – Hai Nguyen

  • 1974  – in Hanoi/Vietnam geboren
  • 1991-1997  – Kunststudium am Hanoi Arts College, Abschluss mit Diplom, Schwerpunkt Lackmalerei
  • 1998-1999  – Weiterbildung in Lackmalerei bei den Meistern Trinh Tuan und Cong Quoc Ha in Hanoi
  • seit 1999  – Mitgliedschaft bei der “Hanoi Fine Arts Association” und beim “Hanoi Young Artists Club”
  • 2000-2005  -  Verschiedene Ausstellungen in Vietnam und Tätigkeit als Designerin
  • seit 2006
    - Übersiedlung nach Kronberg/Taunus
    - Tätigkeit als freischaffende Künstlerin mit Schwerpunkt vietnamesische Lackmalerei
  • seit 2008
    - Gründung eines Hilfsprojekts für aidskranke Kinder in Vietnam.
    Informationen unter www.hope-for-tomorrow.de

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Der Kunsthistoriker und Art Consultant Dr. phil. Martin H. Schmidt (www.curator4art.de)

hat einen Text über Johai und ihr künstlerisches Schaffen verfasst.
Hier ein Auszug aus diesem Text:

Das Glück, zum Greifen nah.

Hai Nguyen, die sich den Künstlernamen Johai zugelegt hat, wurde 1974 in Hanoi, der Hauptstadt von Vietnam geboren. Die Generation ihrer Eltern war in der Zeit von 1954 bis 1975 vor allem durch die unvorstellbaren Härten des Krieges gekennzeichnet, von Armut und – im Bereich der Künste – von Einschränkungen der kreativen Freiheit durch die Regierung. Nur wenige Künstler konnten ihren Status als professionelle Künstler in dieser Zeit aufrecht erhalten. Doch in diesen für die Kunst und die Menschen schweren Zeiten entwickelte sich die Keimzelle der neuen, modernen Kunst in Vietnam.

Entgegen der von der Regierung geförderten und geforderten propagandistischen Kunstausrichtung der Akademien, lenkten einige wenige Künstler ihren Blick auf das traditionelle Landleben Vietnams, auf die Volkskunst, die Szenen des “Cheo”-Theaters und gaben Einblicke in die verwinkelten Straßen der einfachen Viertel Hanois. So gelang es ihnen in einer reduzierten Formensprache die Schönheit des Landes und die Seelen der Menschen jenseits der Propaganda des sozialistischen Regimes einzufangen, indem sie sich auf die Volkskunst und die alten, genuinen Techniken ihres Landes konzentrierten. Seit 1990 werden Künstler nicht mehr durch Richtlinien seitens der Regierung reglementiert und durch Zensur behindert.

In diesen Geist der kulturellen Befreiung und des Neuaufbruchs fällt Hai Nguyens Ausbildung. Entgegen der traditionellen Frauenrolle in Vietnam, die unverheirateten Frauen keinerlei Freiheiten zugesteht, konnte sich Hai bereits mit 17 Jahren um die Aufnahme im bedeutenden Hanoi Arts College bewerben. Sie wurde aufgenommen und schloss ihr Studium, das sie dem Schwerpunkt Lackmalerei gewidmet hatte, mit Diplom ab.

Doch der Künstlerin reichte dieses Diplom nicht aus und sie vervollkommnete ihr Können in einer zweijährigen Weiterbildung bei den Meistern Tuan Trinh und Ha Quoc Cong in Hanoi.
Im Anschluss und als Auszeichnung wurde sie 1999 als Mitglied bei der „Hanoi Fine Arts Association“ und beim „Hanoi Young Artists Club“ aufgenommen. Es folgte eine Reihe von Ausstellungsbeteiligungen in Vietnam.
Ihrem deutschen Ehemann folgte sie 2006 nach Deutschland. Seither lebt sie als freischaffende Künstlerin in Kronberg im Taunus. 2008 gründete sie, gemeinsam mit ihrem Mann das Hilfsprojekt “hope for tomorrow e.V.” zur Unterstützung von Kindern, die in Vietnam in von Aids betroffenen Familien leben. In dieses Hilfsprojekt fließt ein Teil der Verkaufserlöse ihrer künstlerischen Arbeit.
Werke von Hai Nguyen befinden sich in Privatsammlungen in Frankreich, England, den USA und Australien sowie in deutschen Sammlungen.

Alone 1 - 55x70cmStil, Thematik, Technik und Motive ihrer Malerei sind noch fest mit ihrem Herkunftsland verbunden. Die ersten Jahre in Deutschland haben noch keine einschneidenden Veränderungen in ihrem künstlerischen Denken bewirkt.

Das macht es für uns, die westlichen Betrachter, schwieriger, denn wir sind es, die sich bewegen müssen, wir müssen nun – sofern wir etwas verstehen wollen – unsere Offenheit und unser Interesse in die von der Künstlerin vorgelegte Waagschale einbringen und uns mit den Darstellungen regelrecht beschäftigen. Denn die Motive und die ästhetischen Eigenheiten der Technik entspringen einer mehr als zweitausendjährigen Tradition.

Zu den verwendeten Motiven:     

Hai Nguyen kombiniert einfache, wie komplexe Symbole mit menschlichen Körpern auf farbigen Hintergründen. Was in der kulminierenden Beschreibung lapidar und einfach klingt, stellt sich in der direkten Betrachtung als atemberaubend dar. Der Mond, der Lotus, der Fächer und immer wieder die Frau – als Akt gegeben. Doch die Körper sind deformiert, die Hände laufen oft zu spitzen Zweigen aus, die Beine verbinden sich tubenartig, der Hals ist fadendünn, der Kopf scheint zu fehlen oder wird geradezu erstickt unter einem wie im Wasser schwebenden Bündel fast körperlanger, schwerer Haare.

Die mit nur wenigen Strichen angedeutete hervorquellende Weiblichkeit, die primär Begehrlichkeit evoziert, bricht schnell in ihr Gegenteil um und lässt die tief empfundene Trauer und Anklage der Frauen an die Männerwelt deutlich hervortreten. Und dennoch ist jedes Bild in strahlende Hoffnung gehüllt.

Schlafwandlerisch schwebt ein Frauenkörper von ihrer kreisförmigen Bettstatt zu einem silberbeschienen Fenster: Selbstverlorene und den Alltag vergessen machende Liebe ist hier das Thema. Und selbst der Titel “Alone” lässt keine lang anhaltende Trauer zu, denn der Lotus ist in der Nähe und der Vollmond steht schützend über der Dargestellten. Wie der Lotusstängel sich aus dem Wasser erhebt und die Blüte trägt, so findet die Dargestellte Schutz und Zuflucht in ihrer Welt.

Ein Körper zeigt sich, schamhaft und doch selbstbewusst-kokett vor einem formatfüllenden Fächer, dem Symbol von Lebensart und Gelehrsamkeit; chinesische, glücksverheissender Stempel bilden hier das ornamentale Gegengewicht zum Akt und leiten mit der kreisrunden Monddarstellung über zur reinen Freude des Seins.

Es ist eine Traumwelt, in die die vietnamesische Künstlerin den Betrachter entführt. Die Farben sind intensiv und damit auch der verwendeten Technik geschuldet, die Formen klar, glatt und reduziert. Doch ist es keine Traumwelt jenseits der Realität, denn die zentralen Themen sind: Liebe, Hoffnung, Gemeinschaft, Sehnsucht, Reinheit und die Suche nach der eigenen Bestimmung.

Zur Frauenrolle in Vietnam:

Die vietnamesische Gesellschaft lässt unverheirateten Frauen keinerlei Freiheiten. Es wird erwartet, dass eine junge Frau unberührt in die Ehe geht und sie muss bis zur Eheschließung bei ihren Eltern wohnen. Eine eigene Wohnung würde ihr niemand vermieten, selbst in der Metropole Hanoi nicht.

Love Window - 50x70cm-2005

Zur Lackmalerei Vietnams:

Was für die westliche Welt die Ölmalerei bedeutet, die Königsdisziplin der Malerei, das bedeutet für Vietnam das Malen in Lack.

Eine Technik, die auch “Bimssteinlack-Malerei” genannt wird, denn es geht bei dieser Technik nicht allein um das Auftragen von Farbpigmenten unter einer Lackschicht, sondern um das Auftragen und um das permanente Abschleifen eben dieser Schichten, um Motive und Formen entstehen zu lassen.

“Um mit Lack zu malen, muss man innen malen, was in den oberen Schicht des Bildes liegt und darüber malen, was in der Tiefe liegt.” Es handelt sich also um die genaue Umkehrung der westlichen Weiß-Höhung. Hinzu kommt, dass das Material Lack sehr heikel im Umgang ist und jede einzelne Schicht mit Bimsstein solange berieben werden muss, bis das eigentliche Motive zu Tage tritt.

Der Lack trocknet nur bei einer bestimmten Temperatur, Kälte und Feuchtigkeit verhindern das Trocknen, jedoch muss jede einzelne Lackschicht erst austrocknen, bevor sie mit dem Bimsstein bearbeitet werden darf. Der kleinste Fehler in der Handhabung kann auch kurz vor der Fertigstellung das gesamte Werk zerstören; Retouchen sind hier nicht möglich!

Die Farbpalette der Lackmalerei ist traditionell begrenzt, worin ihr Reiz liegt: bernsteinfarben, schwarz, rot, Silber und Gold, hinzu kommen Eierschalen und Perlmutt.

Die jüngere Künstlergeneration, darunter auch Johai, verwendet eine Mischung aus vietnamesischem Naturlack und japanischem Kunstharzlack, diese Mischung erlaubt es auch Farbpigmente in den Lack einzubringen und so die Farbpalette zu erweitern; wobei die vielzahligen Lackschichten die Farbpigmente in ihrem Inneren einschliessen. So entsteht ein Gemälde aus einem Guss, dessen Oberfläche in bernsteinähnlicher Glätte und tiefer
Sattheit erstrahlt.

Nur zu bereitwillig möchte man sie anfassen und ertasten. Hierbei wird der aufmerksame Betrachter erfahren, dass Johai die Gesetze der traditionellen Lackmalerei nicht nur in der Verwendung des japanischen Lacks aufbricht, sondern sich auch noch in einer weiteren Weise von der Tradition befreit. Denn reliefartig modelliert sie die dichten Haarstränge der dargestellten Frauen auf die Bildoberfläche. Sie setzt ihre eigenen Vorstellungen gegen die der männerdominierten vietnamesischen Gesellschaft und gibt in ihren Bildern den jungen Frauen einen bisher nicht gekannten – nur erahnten und erträumten – Freiraum.

Dr. Martin H. Schmidt
www.curator4art.de